Porträt

Die Zornige aus Kiruna

Tobias Gohlis besucht Åsa Larsson

Asa Larsson

© Hans-Olof Utsi

Wenn mittags das Dampfschiff aus Stockholm kommend über den Mälarsee tuckert und zum Klang von Matrosenliedern am Steg von Mariefred festmacht, denkt niemand an Mord und Totschlag. Segelboote schaukeln, die Häuser im Ort sind rot gestrichen, der Kirchturm ist spitz, und im Wasser spiegeln sich die roten Ziegelsteinmauern von Schloss Gripsholm. Als Kurt Tucholsky es zum ersten Mal sah, so um 1929, »stand es leuchtend da, seine runden Kuppeln knallten in den blauen Himmel«. Heute, im Juni 2008, ist das nicht anders.

Schloss Gripsholm kennt fast jeder, zumindest dem Namen nach, den Ort Mariefred kaum jemand. Hier lebt Åsa Larsson. Mit Pudel Trassel, Tochter Stella (9) und Sohn Leo (7) in einem dieser Holzhäuser, die innen so hell sind, dass man darin sogar einen Polarwinter überstehen könnte. Und schreibt dort betörende Kriminalromane über eine Ecke der Welt, die selbst viele Schweden kaum kennen:
Kiruna in Lappland.

Kiruna liegt 1300 Autokilometer weiter nordwärts, noch nördlich des Polarkreises. Die kalte Bergbaustadt, die ihre Existenz einer der reichsten Eisenerzminen der Welt verdankt, ist um eine Jahreszeit vom warmen Mariefred entfernt. »Kiruna ist für mich absolut die schönste Stadt der Welt«, schwärmt Åsa Larsson. »Die Straßen folgen den alten Pfaden und sind nicht, wie im Süden, schachbrettartig angelegt. Allerdings mache ich mir Sorgen, wie die neue Stadt wohl aussehen wird.« Der Kern von Kiruna muss nämlich um vier Kilometer verlegt werden, weil in fünfhundert Metern Tiefe die Erzmine, Lebensader der Stadt, weiter vorangetrieben wird. Das hat es noch nie gegeben: eine ganze Stadt wird verlegt – und mit ihr die Schauplätze einiger der spannendsten und literarisch anregendsten Kriminalromane, die in den letzten Jahren in Schweden erschienen sind.

Drei Romane hat Åsa Larsson bisher veröffentlicht. Während dies geschrieben wird, wird der vierte in Schweden gerade redigiert. Bis dein Zorn sich legt wird er heißen – und Zorn ist ein gutes Stichwort zum Verständnis von Larssons Schreiben. Wie aus struktureller Gewalt Mord entsteht, ist bei kaum einem zeitgenössischen Autor so eindringlich zu erfahren wie bei ihr. Unerbittlich genau, mit alttestamentarischer Wucht schildert sie 2004 in ihrem Erstling Sonnensturm die Machtstrukturen in einer freikirchlichen Gemeinde Kirunas. Der Pfarrer, der die Glaubensbegeisterung junger Mädchen nutzt, um sie zu verführen – das kennt man noch als Klischee. Wie dieser aber die schwangere Siebzehnjährige an der Abtreibung hindern und das ungeborene Kind der Gemeinde übereignen will, das ist so scharf beobachtet, dass die innere Struktur der Heuchelei als unerschütterliche Selbstgerechtigkeit offenbar wird.

Asa Larsson

© Hans-Olof Utsi

Als doppelter Hohn muss der »Kindsmörderin« die Begründung vorkommen, mit der sie aus der Gemeinde geekelt wird: Ihre Gegenwart konfrontiere den Pastor und Kindsvater ständig mit seiner Verfehlung. Rebecka Martinsson kommt sieben Jahre später als erwachsene Frau zurück. Sie hat seitdem Jura studiert, den Glauben verloren, aber nichts vergessen. Zwar ist sie Steueranwältin und nicht Strafverteidigerin, aber ihre psychisch labile, einst engste Freundin Sanna besteht auf Unterstützung. Sie wird verdächtigt, ihren Bruder, einen charismatischen Heiler und Prediger, erstochen und die Hände abgeschnitten zu haben. In dieser verhuschten, weinerlichen, zu allen praktischen Entscheidungen unfähigen Sanna, die es in demonstrativer Schwachheit wunderbar versteht, Mitleid zu wecken und andere für sich handeln zu lassen, hat Åsa Larsson unvergesslich jenen in Demut unterdrückten Frauentyp porträtiert, der den weiblichen Nährboden männlicher Allmacht abgibt.

Mit ähnlich unnachsichtiger Klarheit ist Mildred Nilsson im zweiten Roman Weiße Nacht (2006) gezeichnet. Diese Pfarrerin muss einfach umgebracht werden. Nicht weil sie aus einer müden Ehe in eine lesbische Beziehung wechselt. Auch nicht, weil sie als Feministin traditionelle männliche Domänen wie die Jagdhoheit oder die Verfügung über die Ökonomie der Kirche in Frage stellt. Sondern weil sie besserwisserisch, unsensibel und ebenso hochmütig ist wie ihre männlichen Pendants – und dann noch auf einen Mann stößt, dessen Selbstbewusstsein zu schwach ist, um mit den eingebildeten Demütigungen klarzukommen.

Åsa Larssons Kunst hat ein Erfahrungsfundament in ihrer Biographie. Sie ist selber im Milieu der schwedischen Freikirchen groß geworden. Ihre Großeltern, väterlicherseits wie mütterlicherseits, gehörten der besonders in Lappland verbreiteten Kirche der Laestadianer an, die sich ursprünglich der Missionierung der Samen verschrieben hatte. Åsa Larsson: »Mein Großvater Erik Larsson war so etwas wie ein religiöser Prominenter. Als Langläufer hat er 1936 in Garmisch-Partenkirchen olympisches Gold gewonnen. Danach hatte er ein Erweckungserlebnis. Er gab seine Skikarriere auf, weil er fühlte, dass es nicht richtig war, um die Ehre dieser Welt zu konkurrieren: Vor Gott zählen keine Goldmedaillen.« Gegen diese Strenge der Lebensführung protestierten Åsas Eltern, indem sie atheistisch und links wurden. Worauf die junge Åsa wieder protestierte, indem sie Gott fand und sich der Missionskirche anschloss. Beinahe 20 Jahre, von 1970 bis 1989, hat Åsa Larsson, die am 28. Juni 1966 in Uppsala geboren wurde, in Kiruna gelebt. Während des Jura- und Wirtschaftsstudiums und später als Finanzfachanwältin löste sie sich von der engen Welt ihres Jugendglaubens, aber nicht von ihrer lappländischen Heimat.

Auch wenn sie jetzt im idyllisch-kleinstädtischen Mariefred höchst angenehm lebt, träumt sie von einer Rückkehr nach Kiruna. Bis dies Wirklichkeit wird, schreibt sie sich in die Landschaft ihrer Jugend zurück. Kein schwedischer Krimiautor hat so sprachmächtig wie Åsa Larsson die Natur Schwedens beschrieben, Larssons Romane sind keine Stadt-, sondern Land- und sogar Wildnisliteratur. Der Schnee, die Weite, die Kälte und vor allem die Tiere, von denen Larsson unglaublich lebendig zu erzählen weiß, bilden einen ungeheuren, grandiosen Resonanzboden für die archaischen Menschenkräfte, die sich in Mord und Raserei austoben. Larssons Hauptfiguren, die Inspektorin und spätere Kommissarin Anna-Maria Mella und die Juristin Rebecka Martinsson, sind beide tief in der lappländischen Welt verankert. Die mütterliche, pragmatische Anna-Maria repräsentiert die lebenszugewandte, Rebecka die grüblerische, katastrophische Seite der Autorin. Rebecka fühlt sich in der feinen Stockholmer Welt der reichen Leute fehl am Platz, die Trennung von Kiruna nagt an ihr. In den ersten vier der geplanten sechs Romane ist Anna-Maria die Bodenständige. Rebecka hingegen befindet sich auf einer gewaltsamen, mit traumatischen Erlebnissen verbundenen Reise zurück. In Sonnensturm muss sie ihr Leben und das zweier anvertrauter Kinder retten, indem sie drei Männer in einer einsam gelegenen Berghütte tötet. In Weiße Nacht wird sie fast von einem ausgerasteten Jagdleiter erschlagen. Erst in Der schwarze Steg findet sie als ehrfurchtgebietende Workaholikerin und Hilfsstaatsanwältin in Kiruna etwas Ruhe. Und auch im vierten Roman gerät sie, nunmehr als in Kiruna fest angestellte Justizbeamtin, in Lebensgefahr. Åsa Larsson: »Ich glaube, dass es in der Persönlichkeit von Rebecka Martinsson etwas gibt, das sie immer wieder in solchen Situationen enden lässt, etwas Destruktives in ihr selbst. Manchmal sind Menschen so. Als mein Sohn traurig war, nachdem mein Partner und ich uns getrennt hatten, fiel er immer wieder hin und tat sich weh. Eigentlich sind das keine Unglücksfälle.« Solche Alltagsbeobachtungen entwickeln sich unter Åsa Larssons Schreibhand zu wunderbar präzisen, höchst lebendigen und vollständig klischeefreien Figuren, denen man als Leser(-in) auf Schritt und Tritt ausgeliefert ist. Denn Åsa Larsson erklärt nichts, kein Dozieren unterbricht die Unmittelbarkeit von Handlung und Dialog. Dabei serviert Larsson dem Leser Erstaunliches. Fast alle ihrer Figuren verfügen über Vorahnungen oder sogar ausgeprägter über das zweite Gesicht. Im neuesten Roman tritt eine ermordete Taucherin als Ich-Erzählerin auf und stört so lange Rebeckas Träume, bis diese die Ermittlungen aufnimmt. Åsa Larsson glaubt, dass dies an der Offenheit der Menschen im Norden liegt und der größeren Stille: »Wir sind häufiger in der Natur, und es passieren Dinge mit uns Menschen, wenn wir dem Gewässer begegnen, der Sonne, dem Berg, all das – dann öffnet sich in uns etwas.«

Åsa Larsson erzählt vom Übersinnlichen ebenso selbstverständlich wie vom Leben der Tiere. So ist in Weiße Nacht die Geschichte einer Wölfin eingewoben. Verstoßen von ihrem Rudel wandert sie aus der finnischen Nordmark nach Norbotten ein. Und diese poetische Miniatur hat doch ihren genauen Platz im Kriminalgeschehen. Überhaupt: Alles Lob für die immensen handwerklichen und imaginativen Qualitäten darf nicht verdecken, dass es sich bei Larssons Büchern um außergewöhnlich spannende, bewegende und bis ins letzte Detail stimmig konstruierte Kriminalromane handelt. Dafür wurden Sonnensturm als bestes Debüt und Weiße Nacht als bester Krimi des Jahres in Schweden ausgezeichnet. Åsa Larssons Kriminalromane sind kleine Wunder. Als ich ihre beiden Kinder Stella und Leo in Mariefred in den Obstbäumen herumklettern sah, während wir im Wohnzimmer miteinander redeten, begriff ich: Larssons Romane ähneln ihren Kindern. Sie sind neugierig, aufgeweckt, beweglich, phantastisch, witzig – und einzigartig.

© Tobias Gohlis,
Krimikolumnist der ZEIT, Sprecher der KrimiWelt-Bestenliste

 

Die Autorin Åsa Larsson

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