Brief an die Leser

Manchmal werden wir von Lesern und Buchhändlern gefragt, wie es denn mit der Inspiration aussehe. Ich habe nie, nie gehört, dass ein Autor gesagt hätte, „ich bin voll und ganz von der Inspiration abhängig”, oder „ohne Inspiration läuft gar nichts”. Nein, der Autor verkündet mit geballter Faust, dass Inspiration mit der schriftstellerischen Arbeit nun rein gar nichts zu tun habe. Er schäumt geradezu über von „Transpiration ist angesagt, keine Inspiration” und „man muss sich den Hintern platt sitzen, beim Schreiben muss man gutes Sitzfleisch haben.”

Aber wahrlich, ich sage euch: Glaubt den Schriftstellern nicht, sie werden für das Lügen bezahlt.

Mein neues Buch war eins von der bockigen Sorte. Ich versuchte zu schreiben, aber die Geschichte wollte sich mir nicht eröffnen. Ich hatte ein kleines Stück, wie eine kurze Filmsequenz, im Kopf. Ich hatte jemanden in einen Bus steigen sehen. Ein Ort kam mir bekannt vor. Aber dann war Schluss. Ich wusste nicht einmal, wer dieser Mensch war.

Was half es mir da, mir den Hintern platt zu sitzen? Monate folgten auf Monate. Und ich transpirierte. Ein Buch aber kam nicht dabei heraus.

Früh an einem Sonntagmorgen fuhr ich dann meinen Sohn zum Schwimmtraining. Wir waren beide schlechter Laune, müde und gereizt, und ich machte ständig Kommentare wie: „Wenn ich dich schon morgens fahren soll, dann erwarte ich aber eine freundlichere Miene.”

Danach sah ich ihm beim Schwimmtraining zu. Er pfuschte nur so herum. Während die anderen hingebungsvoll eine Bahn nach der andren zurücklegten, spielte er an seiner Badehose herum, ließ sich treiben und schaute zur Decke hoch, und machte sich an seiner Schwimmbrille zu schaffen, die er niemals richtig zum Sitzen bringen konnte.

Und ich saß da und war stocksauer. Ich wollte auf eine Bank steigen und wütend wie die ärgste Sorte von Fußballeltern schreien, er solle sich gefälligst zusammenreißen, sich anstrengen.

Und da, genau da, als ich auf meinen Händen saß, damit sie nicht plötzlich in die Luft jagen würden, da fiel das ganze Buch vom Himmel. Es war einfach da, mit einer vollständigen Handlung, mit Verwandtschaftsverhältnissen und falschen Fährten und wer was warum getan hat.

Ich riss mein Notizbuch aus der Tasche und schrieb, als ob es um mein Leben ginge. So etwas habe und hatte ich noch nie erlebt. Als mein Sohn nach dem Training aus der Umkleide kam, fragte er: „Meinst du, ich war heute gut?” Er schien den Streit hinter sich bringen zu wollen.

Und ich antwortete vage: „Naja, umwerfend warst du nicht gerade. Aber das macht nichts.” Fast hätte ich ihn gefragt, ob wir einen trinken gehen sollten.

„Na gut”, sagte er zögernd und mit unsicherem Blick. Seine Mutter war wütend, das hatte er ja begriffen. Aber wer war dann diese freundliche Frau? Dann zuckte er mit den Schultern und damit war der Fall erledigt. Ich taumelte hinter ihm her zum Auto.

Das Wort Inspiration kommt vom dem Lateinischen Begriff „inspirare”, in dem das Wort „spiritus” (Geist) steckt. Vielleicht ist es deshalb so schwer, darüber zu reden. Welcher Autor kann schon sagen „ja, dieses Buch habe ich im Geiste geschrieben.” Man klingt doch wie eine mit den Händen fuchtelnde Hallelulja-Betschwester. Ich habe keine Ahnung, was dieser Geist ist, aber es ist verdammt nervig, in seinen Klauen zu zappeln, das Warten macht einfach verrückt. Und er kommt, wenn man es am wenigstens ahnt und am wenigsten verdient.

Aber es ist göttlich, unerwartet von ihm erfüllt zu werden, brennen oder zumindest ein bisschen schwelen zu dürfen. Es ist eine Gnade, um die man in der Stille beten sollte. Und dann kann man viele gereizte Sitzfleischtage ertragen.

 

Die Autorin Åsa Larsson

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